Zum ersten Mal in Rumänien…

Freitag, 13.12.2013: Es klopft an der Tür. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir: es ist 3:43 Uhr! Es war eine kurze Nacht und ich kann meine Augen kaum offen halten. Ein schnelle Tasse Kaffee und dann geht es auch schon los. Vor meinen Begleitern Harald, Rüdiger, Thomas, Volkmar und mir liegt eine 15-stündige Fahrt nach Rumänien. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Worauf habe ich mich hier eigentlich eingelassen? Als ich gefragt wurde, ob ich mit nach Rumänien komme, war mein Entschluss schnell gefasst „Na klar, warum eigentlich nicht.“ Und so kam die Reise, ohne dass ich mir darüber Gedanken gemacht hatte. Als wir endlich unsere Unterkunft in Prod (Pruden) erreichen, wo wir von Johannes und Uli erwartet werden, ist es bereits dunkel.
Die folgenden sechs Tage beginnen immer mit dem gleichen Ritual: um acht Uhr wird geläutet und um halb neun erwartet uns ein reichlich gedeckter Frühstückstisch. Nach dem Frühstück sind wir meistens den ganzen Tag unterwegs. In dieser knappen Woche lerne ich so viele neue Gesichter, Namen, Orte und Organisationen kennen, dass ich den Überblick verliere. Nur langsam erschließe
ich mir die Zusammenhänge und das Netzwerk, was über Jahrzehnte hier in Rumänien aufgebaut wurde. Einen Bruchteil davon möchte ich in meinem Bericht vorstellen.

Haus des Lichtes
Proben im Haus des Lichtes

Da gibt es beispielsweise das „Haus des Lichtes“, ein Heim für behinderte Kinder in Albeşti (Weißkirch), wo auch die Pakete lagern. Hier stecken die Deutschen Funny und Felix ihre ganze Kraft und Energie in die Arbeit und Betreuung der Kinder. Als wir an einem Tag wiedereinmal Pakete holen, dürfen wir spontan bei der Generalprobe des Programms für die Weihnachtsfeier zuschauen.

Honigkuchen
Honigkuchen

Außerdem lerne ich Familie Lorenz in Mălâncrav (Malmkrog) kennen. Dort besichtigen wir die 600 Jahre alte Kirchenburg und ich wage mich trotz Höhenangst und nur durch gutes Zureden der Männer auf den in die Jahre gekommenen Kirchturm. Einige Frauen sind gerade dabei, Honigkuchen zu backen. Wir dürfen zusehen und bekommen sogar eine Kostprobe.
Wir verteilen an vielen Orten Pakete und Spenden. Auch in Prod sind wir unterwegs, um Päckchen zu verteilen. Das erweist sich aufgrund der Glätte, meiner Angst vor Hunden oder einigen aggressiven Gänsen nicht immer als einfach.

Auch das Spital in Laslea (Großlasseln) besuchen wir, liefern Pakete ab und singen Weihnachtslieder mit den vorwiegend älteren Patienten und Pfarrer Martin Türk-König.

Schule in Viișoara
Schule in Viișoara

Wir bringen Pakete in die Schule in Viișoara (Maldorf). Die Schüler helfen fleißig mit, die Pakete auszuladen. Das Schulgebäude und die Klassenzimmer wirken karg, sanierungsbedürftig und bieten alles andere als eine anregende Lernumgebung, wie wir es in Deutschland kennen. Als uns die Schulkinder ein weihnachtsliches Ständchen singen, steigen mir Tränen in die Augen.

Schließlich gibt es da noch die Deutsche Helga Nürnberger und ihre fleißigen Mitarbeiter in und um das Rüstzeitheim in Prod. Bei einer kleinen Weihnachtsfeier, die Helga für ihre Mitarbeiter organisiert hat, erfahren wir von den vielfältigen Aktionen des letzten Jahres.

Benni und Alex
Benni und Alex

Ich bin beeindruckt von der bunten Vielfalt an Gästen und Aktivitäten und vom Engagement der Helfer.
Wir mischen uns beim Raclette unter die Gäste. Mit Händen und Füßen unterhalte ich mich mit den Jugendlichen Benni und Alex und muss feststellen, dass wir uns besser verständigen können, als vermutet.

Auch in Sighișoara (Schäßburg) lerne ich engagierte Christen kennen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Menschen in Rumänien zu helfen. Familie Halmen lädt uns zu einem Konzert mit weihnachtlichem Gesang von sieben Chören und anschließendem Abendessen inklusive Musizieren ein. Der Kantor Theo Halmen leitet in Vulcan (Wolkendorf) ein Hilfsprojekt. Neben der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die vorwiegend aus Romafamilien stammen, wird die Dorfkirche saniert und das Pfarrhaus zu einem Rüstzeitheim umgebaut. In diesem Dorf besuchen wir eine Schäfersfamilie.

Hütte der Schäfersfamilie
Hütte der Schäfersfamilie

Die Hütte der Familie gleicht einem Stall: ein Bett, ein Ofen, ein
Tisch und sechs Menschen, die hier leben. Ich kann es kaum
glauben, dass in dieser kleinen und kargen Hütte eine ganze
Familie lebt. Auf dem Bett liegt ein Säugling, geschätzte sechs
Monate alt. Ich darf das Baby halten und bin sprachlos.
Unwillkürlich muss ich an Deutschland denken, wo die meisten
Kinder regelrecht überbehütet, im Überfluss und nahezu ohne
Sorgen aufwachsen.

Währenddessen haben sich die Kinder aus dem Dorf vor der Kirche versammelt. Wir gehen hinein
und singen zusammen. Theo erzählt den Kindern von Weihnachten und sie sagen Gedichte auf. Wir sitzen alle gemeinsam in einem Stuhlkreis. Ich inmitten der Romakinder. Das Mädchen neben mir schaut mich mit großen Augen an und kann den Blick gar nicht von mir wenden. Was für ein hübsches Mädchen, denke ich und lächle sie an. Wie wird wohl ihre Zukunft aussehen? Ich schaue von Kind zu Kind und bekomme einen Kloß im Hals.

Als ich danach aus dem Auto heraus die Pakete verteile, bekomme ich weiche Knie. Ich kann meine Gefühle gar nicht in Worte fassen. Tränen laufen über mein Gesicht, als das letzte Paket verteilt und die Kinder zurück zu ihren Häusern gehen.

Am Sonntag lerne ich die Deutschen Benjamin, seine Frau
Christin und Christiane kennen. Sie leiten das Hilfsprojekt
„Közös Élet“ in Cristuru Secuiesc (Szeklerkreuz) und
kümmern sich um Kinder und Jugendliche aus Romasiedlungen in der Umgebung. Sie haben uns nach Archita (Arkeden) zu einem einzigartigen Gottesdienst eingeladen. Gemeinsam mit Rumänen und Ungarn wird gesungen, Gottes Wort gehört und gebetet.

Das Lied „Lord, you have my heart“ („Herr, dir gehört mein Herz“), was wir gemeinsam zum Abschluss des Gottesdienstes singen, macht einmal mehr deutlich, dass wir vor Gott alle gleich sind.

Romajunge
Romajunge

Am Tag vor unserer Abreise gewinne ich schließlich noch einen Einblick in die Arbeit mit den Romakindern. Mit Kleinbussen werden die Kinder aus den Siedlungen zu einer kleinen Weihnachtsfeier der Organisation „Közös Élet“ („Gemeinsam leben“) geholt. Nachdem sie saubere Kleidung und etwas zu essen und trinken bekommen haben, erzählt ihnen Christiane von der Weihnachtsgeschichte. Schnell hat sie die Kinder mit ihrer Art zu erzählen in den Bann gezogen. Ich sitze inmitten der Kinder und frage mich, ob die Kinder zum ersten Mal von Weihnachten hören.

Közös Élet
Weihnachtsprogramm bei Közös Élet

Schließlich singen wir gemeinsam und machen Bewegungen
dazu. Ich kenne das Lied und singe schon bald den ungarischen
Refrain mit (deutsch: „Vater des Lichts, du freust dich, an deinen
Kindern“). Es erfüllt mich mit tiefer Freude, gemeinsam mit den
Kindern zu singen und ich sehe auch die Freude in ihren Augen.

Die Reise nach Rumänien hat mir zum einen gezeigt, wie gut es uns hier in Deutschland geht, in welchem Wohlstand, aber auch in welchem Überfluss wir leben. Zum anderen hat sie mich gelehrt, dankbar zu sein und nicht alle Dinge als selbstverständlich zu sehen. Für mich war es wirklich beeindruckend zu sehen, was in Rumänien von den Mitarbeitern vor Ort geleistet wird und mit welcher Hingabe sie arbeiten. Es gab Situationen, in denen ich mich fragte, woher sie die Kraft nehmen, auch nach Rückschlägen immer nach vorn zu schauen? Ich könnte es kaum besser auf den Punkt bringen als der Leitspruch, der über den Köpfen der Kinder an der Wand hing und den ich seit meiner Rumänienreise nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Er lautet: „Nagy dolgkat cselekseik úgy, hogy nem érthetjük“, zu deutsch: „Gott tut große Dinge, die wir nicht begreifen.“ (Hiob 37₅)

ein Bericht von Katharina Wagner