…und immer schön lächeln und winken

Rumänien-Bericht von Franziska Albrecht

Es mag vielleicht ein wenig abgedroschen klingen, aber John Lennon hat mit seiner klugen wie simplen Lebensphilosophie Recht behalten:
“Life is what happens to you while you are busy making other plans.”
Irgendwie kommt den geschmiedeten Plänen ja doch meist etwas in die Quere. Irgendwie eben. In meinem Fall lockten mich die schon seit Wochen kribbelnde Abenteuerlust und der Drang, anderen Menschen zu helfen, aus meinem Berliner Studierstübchen heraus – hinein in einen mit Päckchen, Proviant und Plaudereien beladenen Mercedes Sprinter gen Osten. Das Ziel: Rumänien, Heimat von Dracula, Zacuscă, dem Brotaufstrich mit Suchtpotenzial, und etlichen in Armut lebenden Familien. Abgesehen von der schweren Anfahrtsgeburt, die sich symptomatisch in Form eines aus reiner Prassligkeit vergessenen Rucksacks und dem daraus resultierenden Umweg äußerte, lief die 15-stündige Autofahrt ganz nach Plan. Wider die großväterliche Manier, ein lauschiges Rastplätzchen zu suchen und sich in aller Gemütlichkeit die geschälten Picknickeier schmecken zu lassen, wurden zwei Tankpausen eingelegt. Das freitägliche Feierabendbier sei uns in Pruden, unserem Ankunftsort, vergönnt – ein kleines Gläschen heimischen Obstlers, Palincă genannt, auch.

Mit dem Läuten der Kuhglocke begann der nächste Tag pünktlich um 8.00 Uhr. Dank eines reichlichen Frühstücks – größtenteils aus Eigenproduktion: selbstgeräucherter Käse, hausgeschlachtene Wurst und selbstgekochte Marmelade – konnten wir Kraft für den ersten Einsatz der Päckchenverteilerei tanken. Gut 140 Pakete wurden fleißig im treuen Gefährt verstaut, um so den Kindern in dem kleinen Ort Wolkendorf eine Freude zu bereiten. In dem ortseigenen, spärlich gestalteten Freizeithaus kamen Dorfbewohner, freiwillige Helfer und andere Weihnachtswichtel zusammen. Wenn auch des Rumänischen nicht mächtig, fand ich Gefallen an dem amüsanten Krippenspiel, das von allen Anwesenden mit großen Augen und vollster Aufmerksamkeit regelrecht aufgesogen wurde. Der Kantor von Schäßburg, Theo Halmen, sorgte mit Ansprache und Kanon für eine ausgelassene Stimmung und verkürzte zugleich die Wartezeit aufs Mittagessen. Das Warten hatte sich in der Tat gelohnt: Ein überdimensionaler Topf, gegen den meine studentische Küchenausstattung wirklich alt aussieht, wurde, randvoll mit herrlich duftender Suppe, hereingetragen. Dazu gab es selbstgebackenes Brot und Kräutertee. Welch Gaumenschmaus! Ich vermisse die etlichen rumänischen Köstlichkeiten schon jetzt. Zur Abrundung der Geschmackszellen stand Pudding (Budincă!), von allen heiß begehrt, auf dem Speiseplan. Nach der kleinen, gelungenen Weihnachtsfeier dann endlich die sehnsüchtig erwartete Bescherung. Noch hastig und sehr mühselig die rumänische Übersetzung für „Frohe Weihnachten“ einstudiert, um sie anschließend im Minutentakt zu vergessen, bevor jedes Kind ein Weihnachtspäckchen bekam. Diese wurden, trotz meines unverständlichen Gemurmels, mit strahlenden Augen dankbar entgegen genommen. Am Abend wurde die Belieferung des Kindergartens in Elisabethstadt in Angriff genommen. Nach einem Tee und meinen gefühlten hundert Fragen (Kleiner Exkurs: Ein Kleinkind stellt durchschnittlich vierhundert Fragen. Da kann ich locker mithalten!) ging es zurück zum nächsten Programmpunkt nach Pruden. Helga Nürnberger, Vorsitzende von Restore, lud zur geselligen Weihnachtsfeier im Rüstzeitheim ein – Spiel, Spaß und Spannung inbegriffen. Die meisten Gesichter dort kannte ich nicht. Das war aber eigentlich auch egal. Bei hausgemachter Lasagne und anderen Delikatessen, die das üppige Buffet zu bieten hatte, wurde angeregt geplaudert. Und wer aufgrund der kleinen Sprachbarriere nicht ganz so wild drauflosplaudern konnte, hat sich eben als Goldkehlchen beim gemeinsamen Singen bewiesen. Der Drang, anderen zu helfen, verbindet. Das hat später auch die Vorstellung der etlichen Hilfsprojekte in Form einer Diashow deutlich gemacht. Um das Freizeitangebot des Rüstzeitheims optimal auszuschöpfen, wurde noch die Tischtennisplatte unsicher gemacht. …und eine Runde gekickert, und noch eine, und noch eine, und noch eine letzte Runde und noch eine allerletzte.
Die nächsten Tage waren ähnlich spannend und abenteuerlich. Am Sonntag ging es etwas ruhiger und kultureller zu: Es ging zum Gottesdienst nach Schäßburg und danach direkt auf den Stundenturm, die fantastische Aussicht genießen. Ein Stadtrundgang, ein vorzüglicher Sonntagsschmaus bei Theo, dem Schäßburger Kantor, samt Familie und ein ausgedehnter Verdauungsspaziergang folgten. Am Nachmittag besuchten wir das „Haus des Lichts“, ein Heim für behinderte Kinder und gleichzeitig Lagerstelle für die unzähligen Weihnachtspäckchen, in Weißkirch. Damit die Speckröllchen auf dem Weg auch ja nicht verloren gehen, gab es genügend Naschwerk für alle. Die Kinder haben sich ausgetobt und mich mit den in jeder Ecke verteilten Bausteinen ordentlich auf Trab gehalten. Mit Anbruch der Dunkelheit wurde es Zeit für den Kerzenlauf in Schäßburg, unser letzter Punkt auf der Kulturagenda. Wie der Name schon vermuten lässt, zogen wir mit Kerzen bestückt von Kirche zu Kirche. Zwischenstopps wurden beim Rathaus und der Schule eingelegt. Nach guten zweieinhalb Stunden kehrten wir Schäßburg den Rücken und ließen den Abend vorm Prudener Küchenkamin ausklingen.
Am Montag florierte der Päckchenservice wieder. Erster Halt des Tages war das Spital in Großlasseln, dass uns mit einem Lächeln, Nussstrudel und Kirschsaft dankte. Um noch mehr Verwirrung bezüglich der vielen Ortsnamen zu stiften, wurde ein kleiner Zwischenstopp in Rauthal eingelegt. Natürlich ließen die Dorfkinder nicht lange auf sich warten. Ein bisschen Rumblödelei muss schon sein und so war es nicht schwer, die Kids für eine Runde Wenn-du-glücklich-bist-dann-klatsche-in-die-Hand zu begeistern. Dabei ist mir erst so richtig aufgefallen, wie wichtig Zuneigung und Beschäftigung eigentlich sind. Jedes Kind (und jede Halberwachsene) macht doch gern Quatsch und tobt sich aus – umso trauriger, dass die  Möglichkeit dazu hier Mangelware ist. Der nächste Tag in Cristuru Secuiesc hat das ganz besonders veranschaulicht als plötzlich ein Dutzend Romakinder in zerlumpter Kleidung vor mir stand und sich die Füße gewaschen hat. Im Viertelstundentakt betrat eine neue Kinderschar die vertrauten vier Wände des DOMUS Rumänienhilfe e.V. Im Rahmen des Projektes  „Közös Élet – Gemeinsam Leben“ konnten die Kleinen für ein paar Stunden ihre Sorgen vergessen und sich voll und ganz aufs Weihnachtslieder singen und ein warmes Mittagessen konzentrieren. Das Highlight der Feier war das aufwendig gestaltete Schattenspiel, das die Geschichte von Josef und Maria nacherzählt hat. Am Ende gab es für die kleinen Strolche gestrickte Mützen und Schals, ein Päckchen noch dazu.
Die letzten Geschenke haben wir der lieben Helga bei den Schulweihnachtsfeiern überlassen. Voller Eifer haben die Schulkinder ihre Interpretationen der Weihnachtsgeschichte vor den stolzen Mamis und Papis zum Besten gegeben.
Bevor der Sprinter die Heimfahrt, im Schweinsgalopp wohlbemerkt, angetreten ist, statteten wir Familie Lorenz in Malmkrog noch einen Besuch ab. Neben einer flinken Klettereinlage auf den Kirchturm, ein ganz besonderer Leckerbissen für deutsche Sicherheitsbehörden, haben wir die örtliche Handwerksarbeit der Zigeuner unterstützt und uns mit allerhand selbstgemachten Teppichen, Besen und Körben eingedeckt.
In einer Woche wurde ich mit so viel Herzlichkeit und Gastfreundschaft übermannt, dass ich die Tage danach noch Mundwinkelmuskelkater vom vielen Lächeln und Freuen hatte. Selbst wenn, oder gerade weil, etliche der Menschen dort nicht so viel besitzen, wie wir es vielleicht kennen, sind sie unglaublich herzensgut – und mir auf Anhieb sympathisch. Über den gesammelten Erfahrungsschatz einer Woche Rumänien könnte ich mit Sicherheit einen Roman schreiben, aber da das hier eben ein Bericht werden sollte, komme ich zum Schluss:
Mit dem Abenteuer Rumänien hat sich Lennons Weisheit einmal mehr bestätigt. Irgendwie lässt sich das Leben eben nicht in vorgefertigte Muster und scheinbar wohldurchdachte Pläne zwingen und zeigt sich gerade dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Irgendwie eben.