Wie es begann

Jenseits des Wohlstandes

Die Geschichte, die ich erzählen möchte, handelt von Rumänien. Es begann 1990. Meine Frau hat jedes Jahr mit den Christenlehrekindern in Greifenhain Erntedankgaben eingesammelt. Damit wurde die Kirche zum Erntedankfest geschmückt — aber es sollte auch danach noch eine nützliche Verwendung gefunden werden.

Wir wussten von einem Pfarrer, der mit seiner Familie nach Rumänien umgezogen war. Wir hörten, dass die Armut dort groß war. So ergab sich eine sinnvolle Nutzung unserer Erntedankgaben. Mit einer Frohburger Familie, deren Kleinbus und den Erntedankgaben begab ich mich auf meine erste Rumänienreise. Es würde zu weit führen, alle Schwierigkeiten und Erlebnisse hier aufzuzählen. Wir konnten unsere Hilfsgüter in Mediaş in einer diakonischen Einrichtung und in Rauthal, einem kleinen siebenbürgischen Dorf, verteilen und damit große Freude auslösen. Es stand für uns fest, dass die erste Rumänienreise nicht die letzte sein wird. Übrigens trafen wir dort weitere Menschen aus Frohburg, die ebenfalls die Idee hatten, in Rumänien zu helfen. Bis heute arbeiten wir in einer lnteressengemeinschaft mit diesen Familien aus der katholischen und freikirchlichen Gemeinde zusammen. Die Idee, Erntedankgaben für Rumänien zu sammeln, wirkte positiv ansteckend. Viele Kirchgemeinden schlossen sich der Aktion an, auch über die Grenzen des Bornaer Kirchenbezirks hinaus. Gleichzeitig begannen wir getragene Kleidung zu sammeln, die im „TabitaLaden“ in Rumänien verkauft wurden. Mit dem Erlös konnte das Personal des Lukas-Spitals — ein Alten- und Pflegeheim in Laslea — bezahlt werden. Viele Besuche und persönliche Kontakte entstanden im Lauf der Zeit. Auch wenn inzwischen manche Empfänger andere sind, laufen die Hilfsprojekte weiter – bis heute. Hinzu kam noch die Aktion „Weihnachtsfreude“. Seit 2002 führen wir immer in den Herbstferien eine „Rumänien-Rüstzeit“ durch. Daran beteiligen sich Jugendliche, Erwachsene und Kinder, Familien und Einzelpersonen. Durch die Initiative des Heimleiters des Rüstzeitheimes „Lutherhöhe“ in Vielau, der ein verlassenes Pfarrhaus in Pruden/Siebenbürgen mit vielen Jugendlichen zu einem einfachen Selbstversorgerhaus hergerichtet hat, haben wir dort ein „rumänisches Zuhause“ gefunden. Es ist eine ganz eigene Atmosphäre als Gruppe, eng und einfach miteinander zu leben.

Neben dem Verteilen von Hilfsgütern in Einrichtungen, bei Vereinen und in Familien versuchen wir etwas Praktisches zu tun. So bauten wir für eine große Familie ein neues Plumpsklo („Luxusausführung“ mit dichtem Dach und Herzchentür), errichteten für einen Kindergarten einen Spielplatz, ebenso für die Dorfkinder in Pruden eine Doppelschaukel auf der Wiese vor der Grundschule. Wir gestalten Kinderfeste, besuchen die Bewohner im Lukas-Spital, Familien, die über einen Verein verlassene Kinder aufnehmen
Nach einer Woche voller Erlebnisse und Eindrücke fahren wir geschafft, aber glücklich nach Hause und planen schon die Aktivitäten fürs nächste Jahr. Das ist ein Blick hinaus über den deutschen Wohlstands-Tellerrand, der allen, die einmal dabei waren, eine neue Einstellung, auch Dankbarkeit und Einsicht gibt. Den Rahmen für unseren praktischen Einsatz finden wir in gemeinsamen Andachten, Gottesdienstbesuchen und vielen Gesprächen. So haben wir jedes Mal eine gute Gemeinschaft erleben können. Natürlich sind wir auch sehr dankbar für die unfallfreie Heimfahrt. Rumänien ist eine Reise wert für mich sogar viel mehr als nur eine …

Rüdiger Kipping, Greifenhain

Aus dem Buch „Offen gesagt – Christen laden ein zum Gespräch“ von der Aktion neu anfangen in der Region Borna.
Erschienen 2005.

Verbunden in Christus ☧